Menu Content/Inhalt
Home arrow Vorträge arrow Psychopathologie der Askese
Psychopathologie der Askese

„Triebverzicht ist die Wurzel jeder Kultur“, wusste schon Sigmund Freud. Askese ist Willenstraining, eine schmerzhafte aber prinzipiell sinnvolle Übung, die dem Bauchgefühl „Lustmaximierung und Unlustvermeidung“ direkt entgegengesetzt ist. Mit diesen Übungen wird der Wille freier von den Bedrängungen der Emotionen, und kann sich so besser und leichter entscheiden. Gesund motivierte Askese ist kurzfristig unlustig, mittelfristig aber sinnvoll und langfristig gut. Askese als Selbstdiszipinierung stärkt die Kraft des Willens, sich gegen das Bauchgefühl durchzusetzen, wenn es notwendig ist. Dazu gehört einerseits „positiv“ das beharrliche Einüben der angestrebten Tugend oder Fähigkeit, andererseits „negativ“ das Vermeiden von allem, was der Erreichung seines Ziels im Wege steht. Askese macht so den Menschen frei für das Große, für das er gemacht ist.

Aber Askese kann auch zum Selbstzweck werden. Wenn sie zur Selbstbefriedigung wird – dass der Patient also anfängt, die eigene Macht über den Körper zu genießen – so wird es psychopathologisch gefährlich. Es ist deswegen immer die Frage, wie Askese motiviert ist: ichhaft oder selbstlos. Die Patientinnen, die gar nichts mehr essen und so in eine Anorexie schlittern, sind auch asketisch – aber aus den pathologischen Motiven und deswegen übertreiben sie es bis zur Selbstschädigung. Aus diesem Grund sollte Askese niemals ohne Supervision einhergehen, um fanatischen Übereifer zu bremsen. Viele Religionen und Ideologien sind asketisch, weil man so viel mehr erreichen kann: sogar die mörderischen SS-Schergen der Nazis waren „diszipliniert“. Denn Askese macht den Willen stärker, aber nicht notwendigerweise moralisch besser.

14:45 - 15.30


Raphael M. Bonelli

 
< zurück   weiter >